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08.01.2009 13:00 Von: Benjamin Hemmens

Tote RadlerInnen – Warnsignal für unsere Verkehrskultur

In den letzten Jahren hatte man sich über sinkende Todeszahlen bei RadfahrerInnen gefreut: leider zu früh, wie der dramatische Anstieg von 37 Todesfällen in 2007 auf 62 in 2008 zeigt. Allerdings ist hier entgegen manchem aufgeregten Bericht keine „Trendwende“ zu erkennen. Die beiden letzten Jahre liegen zwar an den Extremen der Schwankungsbreite, aber nicht außerhalb dieser.


Grafik: ARGUS Stmk

Seit 1980 gibt es einen langfristigen Trend nach unten mit etwa zwei Todesfällen weniger pro Jahr. Im Durchschnitt von 1980-1989 sind 99 RadlerInnen pro Jahr in Österreich an Unfällen gestorben; von 2000-2006 waren es nur 50 pro Jahr. Ein kontinuierlicher Trend über einen so langen Zeitraum ist wahrscheinlich auf Faktoren zurückzuführen, die sich inkrementell verbessert haben: Fahrzeug- und Straßentechnik sowie Notfalldienste und Medizin haben in dieser Zeit sicher alle Fortschritte gemacht.

Der langfristige Trend wird allerdings von Schwankungen von Jahr zu Jahr in der Größenordung von bis zu etwa ±14 Todesfällen überlagert (siehe Diagramm). Der Wert für 2007 liegt unter dem Trend; der Wert für 2008 ähnlich stark über dem Trend.

Zum jetzigen Zeitpunkt liegt die Trendlinie für die Schweiz, mit 4 Todesfällen pro Mio. EinwohnerInnen und Jahr um etwa ein Drittel besser als jene für Österreich mit 5,7.

Analyse Innenministerium

Die Analyse der Unfallursachen seitens des Innenministeriums ist erstens insofern mit Vorsicht zu genießen, als bei tödlichen Unfällen ein wichtige/r Beteiligte/r nicht mehr angehört werden kann.

Zweitens sind die tödlichen Unfälle eine sehr kleine Auswahl (ca. 1%) aus allen Unfällen, an denen RadlerInnen beteiligt sind. Bei den Unfällen im Allgemeinen verteilt sich die Schuld laut KfV-Analysen viel gleichmäßiger zwischen den Beteiligten. Es sollte nicht verwundern, dass Vorrangverletzungen seitens der RadlerInnen unter den tödlichen Unfällen überrepräsentiert sind, weil diese Unfallart am ehesten zu einer Kollision mit einem ungebremsten Kfz führt.

Es ist leider auch nicht überraschend, dass ältere Menschen einen großen Anteil der Getöteten ausmachen. Diese haben nicht nur langsamere Reaktionen, sondern Leute, die jetzt über 60 sind, haben zu einer Zeit Rad fahren gelernt, wo auf unseren Straßen wesentlich weniger Verkehr, und dieser weniger aggressiv unterwegs war. Es stellt sich die Frage, ob wir unsere immer zahlreicher werdenen SeniorInnen (in Watte verpackt?) in ihre Häuser einsperren oder lieber unsere Verkehrskultur an die von früheren Jahrzehnten wieder annähern wollen. Es sind übrigens die heute 70+ -jährigen, die die stärkste Kultur des Rad fahrens als tägliches Mobilitätsmittel haben.

Verkehrskultur, bösartig

Weitere technische und medizinische Entwicklungen zur Unfallprävention bzw. Minderung der Unfallfolgen bieten besonders für ungeschützte VerkehrsteilnehmerInnen wenig und teures Verbesserungspotenzial. Wenn wir die ungeschützten Verkehrsarten Gehen und Rad fahren wieder fördern wollen – wozu sich der ganze politische  Mainstream sich mittlerweile im Namen von Umwelt, öffentlicher Gesundheit und urbaner Lebensqualität nahezu unisono bekennt – und wir auch die besser abschneidenden Länder (wie zB die Schweiz) einholen wollen, bleibt uns ein schonungsloser Blick auf unsere Verkehrskultur nicht erspart. Folgende Phänomene werden von verschiedenen Seiten (Radler- und Autovereine, KfV, Polizei...) als problematisch gesehen:

  • eine starke Mentalität des Durchsetzens des eigenen Vorrangs, Intoleranz für Fahrfehler anderer
  • steigende Aggressivität (aller) VerkehrsteilnehmerInnen untereinander
  • schlechte Tempodisziplin

Einige Verbesserungen sind möglich:

1. Gegenseitiges Vorsichts- und Rücksichtnahmegebot in StVO einführen

Ein Kuriosum der österreichischen StVO ist das Fehlen eines gegenseitiges Vorsichts- und Rücksichtnahmegebot (vergleiche §3 StVO mit Art. 26 Strassenverkehrsgesetz (Schweiz) und §1 StVO (Deutschland). Unsere starke Orientierung am Verschulden, sowie der strikt formulierte Vertrauensgrundsatz stärken das Anspruchsdenken an das Verhalten der anderen und begünstigen ein unnachgiebiges Verhalten gegenüber anderen VerkehrsteilnehmerInnen, wenn man sich im Vorrang fühlt.

2. Tempo

Tempo bestimmt die verfügbare Zeit für Unfall vermeidende Manöver – sehr wichtig im Freiland, wo auch Kollisionen mit der erlaubten Fahrgeschwindigkeit für ungeschützte VerkehrsteilnehmerInnen wahrscheinlich tödlich ausgehen. Auch bei den niedrigeren Geschwindigkeiten im Ortsgebiet entscheidet oft die Aufprallgeschwindigkeit über Leben und Tod. Daher

  • ist der Weg für zusätzliche Tempokontrollen frei zu machen; durch zusätzliche Polizeiressourcen oder durch Schaffung eines verlässlichen rechtlichen Rahmens für Tempomessungen durch private Firmen im Auftrag von Gemeinden bzw. durch Gemeindebedienstete.
  • In der Schweiz kostet es € 120, um 20 km/h zu schnell zu fahren. Zitat Michael Schumacher (Die Zeit, 17.12.2008): „Wenn du in der Schweiz den Führerschein behalten möchtest, musst du den Schalter umlegen.“ Gilt das auch in Österreich? Kaum. Die gleiche Übertretung kann man hier – soweit man erwischt wird – ab € 20 „genießen“. Erstaunlicherweise gehört Rasen gar nicht zu den Vormerkdelikten.
  • Das KfV regt an, die Tempolimits auf Freilandstraßen generell mit 80 km/h, im Ortsgebiet auf 30 km/h (mit Ausnahmen) bundeseinheitlich festzulegen.

3. Abschaffung Sonder-Vorrangregeln für RadfahrerInnen

Die StVO beinhaltet einige international unübliche, von allen Beteiligten schlecht verstandenen und teilweise rechtlich unklare Vorrangregeln für RadfahrerInnen, darunter §19 Abs. 6A „Verlassen einer Radfahranlage“ und die „Radfahrerüberfahrt“ in bisheriger Form. Diese können weitgehend durch die besser bekannten und beachteten allgemeinen Vorrangregeln abgelöst werden (Einordnen, Vorrang geben, Halten etc.).

4. Von der Fahrschule zur Verkehrsschule

Neben den erfreulichen Initiativen zum realitätsnahen Radfahrtraining von SchülerInnen im Verkehrsraum werden wir auch Maßnahmen für Erwachsenen benötigen, wenn wir das gesetzte Ziel einer Verdoppelung des Radfahrens erreichen wollen. Da die überwältigende Mehrheit der Erwachsenen einen Führerschein besitzt, könnten entsprechende Lerneinheiten am leichtesten in die Programme der Fahrschulen integriert werden.


Kategorie: ARGUS Stmk, RADLOBBY Österreich ARGUS Stmk
Alter: 11 yrs

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