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06.06.2009 19:40 Von: Mirko Javurek, Initiative FahrRad OÖ/ARGUS

Velo-city Konferenz 2009: Re-Cycling Cities

Über 800 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt besuchten die diesjährige Velo-city Konferenz in Brüssel zum Thema „Re-Cycling Cities“. Eine Woche lange drehte sich dort alles rund um die Förderung des Fahrrads insbesondere als Alltagsverkehrsmittel.


Velocity Radfahrt durch Brüssel mit 700 RadfahrerInnen

Neue Brüsseler Verleihräder

Belgien: Radfahren gegen die Einbahn ist per Gesetz die Regel, nicht die Ausnahme

USA: Radmitnahme an der Busvorderfront

Spezielles ÖV-Faltrad von TEC: Faltvorgang in 3 Sekunden

UnterzeichnerInnen der Charta von Brüssel beim Velocity Plenum im EU Parlament

Brüssel: eigene Radampeln mit längerer Grünphase

Ghent (Belgien): tausende Räder auf den Parkplätzen am Bahnhof

Ghent (Belgien): Mutter mit 3 Kindern auf einem Rad

Die "Velo-city" ist eine mittlerweile jährlich stattfindende Fahrrad-Konferenz, die von der ECF, dem europäischen Dachverband der Fahrradvereine, veranstaltet wird. Neben zahlreichen Vorträgen gab es heuer eine begleitende Ausstellung, Exkursionen und eine gemeinsame Radfahrt durch Brüssel. Die TeilnehmerInnen konnten während der Konferenz die Räder des neuen Brüsseler Radverleihsystems nach dem Pariser Velib-System und eine Sonderserie von Dahon-Falträdern testen.

Post-fossile Mobilität

Ganz klar wurde in den Vorträgen hervorgestrichen, dass es höchste Zeit ist, das weltweite Mobilitätsverhalten drastisch zu ändern: der „Peak Oil“, also der Zeitpunkt, wo die weltweite Ölförderung trotz steigender Nachfrage abzunehmen beginnt, ist erreicht, wir steuern auf eine „post-fossile Mobilität“ zu. Bis 2050 müssen die CO2-Emissionen auf 0 zurückgehen, um die Klimaerwärmung auf +2° zu beschränken! Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hebt in seinem 1000-seitigen Klimabericht die Wichtigkeit einer neuen Raumplanung hervor, widmet aber nur 1 Seite dem Radverkehr – dafür erntete er scharfe Kritik vom deutschen Radfahr-Professor Monheim, die mit tosendem Applaus bestätigt wurde: mindestens 100 Seiten müssten dem Radfahren und den schädlichen Auswirkungen des Kfz-Verkehrs gewidmet werden!

Win-Win-Win Situation

Kopenhagens Bürgermeister brachte es auf den Punkt: „Radfahren ist eine extrem effektive Lösung für die Verkehrsprobleme unserer Städte“. Alltagsradfahren ist eine Win-Win-Win Situation: es ist umwelt- und klimafreundlich, die eigene Mobilität wird erfüllt und die Gesundheit profitiert, wobei der Gesundheitsvorteil durch die Bewegung die Beeinträchtigung durch Kfz-Abgase deutlich überwiegt. Im Rahmen des belgischen Projekts „Bike to Work“ konnten ausführliche medizinische Untersuchungen zeigen, dass regelmäßiges Radfahren zur Arbeit nicht nur die Gesundheit verbessert, sondern auch das persönliche Wohlbefinden steigert. 

Investitionen in den Radverkehr haben im Vergleich zu anderen Verkehrsarten ein deutlich höheres Nutzen-zu-Aufwand Verhältnis. Cycling England, das es zum Ziel hat, Radfahren zum „Mainstream Mode of Transport“ zu machen, berechnete den wirtschaftliche Nutzen des Radfahrens: 1 € Ausgabe für den Radverkehr bringt 3 bis 4,5 € Einsparung im Gesundheitsbereich! Oder: 1 km Autofahrt kostet der Allgemeinheit 10 Cent, 1 km Radfahrt hingegen bringt 16 Cent Gewinn. Die WHO hat mit dem “Health Economic Assessment Tool  for Cycling” (HEAT) eine einfache Möglichkeit zur Berechnung des gesundheitlichen Nutzens eines Radfahrprojekts in Form einer Excel-Tabelle geschaffen.

Kopf an - Motor aus

Eindrucksvoll waren auch die vorgestellten Kampagnen zur Förderung des Radfahrens: das Fahrrad muss zum neuen Statussymbol werden. Schweden wirbt erfolgreich auf Milchpackungen fürs Radfahren, Deutschland startete die Kampagne Kopf an – Motor aus (nette Details: Strafzettel für falschgeparkte Autos, wo hinten „Geld sparen – Rad fahren“ drauf steht, Kurzstreckenfahrschule), England bewirbt Radfahren zur Schule mit dreistufigen Radfahrkursen, und Ghent macht seine Bürger „wild aufs Radeln“ und fördert Einkaufen mit dem Fahrrad. Selbst Fahrrad-Metropolen wie Kopenhagen (55 % fahren bereits mit dem Rad zur Arbeit) und Odensee mit einem hohen Radfahranteil wollen Radfahren noch weiter steigern und geben 20 bis 40 Euro pro Einwohner und Jahr für den Radverkehr aus (zum Vergleich: Linz ca. 2 Euro). In Belgien müssen per Gesetz alle Einbahnen in Gegenrichtung für RadfahrerInnen geöffnet sein, Ausnahmen sind nur in rechtfertigbaren Einzelfällen erlaubt.

Rad und öffentlicher Verkehr

Auch das Thema Rad und Öffentlicher Verkehr (ÖV) kam nicht zu kurz. Allen voran demonstrierten die Schweizer Bundesbahnen ihre Vorreiterrolle im ÖV: da es bei der Radmitnahme zu viele Spitzentage gibt, wo es zu Engpässen kommt, wird das Radmitnahmeangebot aufgestockt! Radmitnahme im Doppelstock-Intercity mit niveaugleichem Einstieg und Wagenstandsanzeige auf den Bahnsteigen mit Position des Fahrradabteils sind selbstverständlich. Die Region Nordrhein-Westfalen (D) bietet Radmitnahme in Nahverkehrsmitteln ohne zeitliche Einschränkung und vertraut mit Erfolg auf die allgemeine Vernunft. Radmitnahme in Bussen ist nach wie vor viel zu selten möglich, die in den USA oft vorhandenen Radständer an der Busfrontseite bieten zwar viele Vorteile (insbesondere Sichtkontakt Fahrer-Räder-Ladevorgang), sind aber in Europa aufgrund der Gesetze nicht möglich. Die belgische Nahverkehrsgesellschaft TEC entwickelte spezielle Falträder für die Mitnahme im ÖV, die sich in wenigen Sekunden falten lassen, sich auch gefaltet leicht transportieren lassen, wenig Platz brauchen, weniger als 10 kg wiegen und durch Zahnriemen statt Kette nichts schmutzig machen können.

Charta von Brüssel

Die Konferenz endete mit einem Plenum im EU-Parlament, wo u. a. VertreterInnen der Städte Kopenhagen, München, Mailand und Madrid die Charta von Brüssel unterzeichneten. Motivieren auch Sie die Politiker Ihrer Stadt dazu! Auch die Forderungen nach einem EU-Fahrradbeauftragten wurden an die Anwesenden EU-Politiker mehrfach geäußert, und nach einem größeren EU-Fahrradbudget (derzeit: 60 % Straße, 26 % Schiene, < 1 % Fahrrad).

Alles in allem war die Konferenz sehr inspirierend, es tat gut, hunderte von Gleichgesinnten zu treffen, die das Fahrrad für das zukunftsweisendste Alltagsverkehrsmittel im Nahbereich halten. Die Folien der Vorträge können von der Homepage heruntergeladen werden.

Die Velo-city 2010 wird vom 22. bis 25. Juni 2010 in der Fahrradmetropole Kopenhagen stattfinden – jedem/r Fahrradaktivisten/in kann nur wärmstens empfohlen werden, teilzunehmen, um sich dort auszutauschen und Motivation zu tanken!


Kategorie: RADLOBBY Österreich
Alter: 10 yrs

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