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04.11.2010 20:33

Rad am Zug!

Radlobby.at präsentiert das neue Positionspapier mit Vorschlägen für eine verbesserte Radfreundlichkeit der ÖBB


Nahverkehrszug in Kopenhagen

Radstation Münster

Alle Radlobby-Vereine Österreichs haben gemeinsam einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, welcher der ÖBB Vorschläge im Sinne einer sanften ökologischen Mobilitätskette Bahn- und Radverkehr unterbreitet. In den Bereichen Alltags- und auch Freizeitmobilität weist die Verknüpfung von Bahnnutzung und Radfahren gerade in Österreich noch großes Potential auf. Wir möchten mit diesen Vorschlägen die Interessen derjenigen RadfahrerInnen vertreten, die in ihrer Mobilität regelmäßig Züge der Österreichischen Bundesbahnen benützen und noch zahlreicher nützen werden. Damit strebt Radlobby.at einen konstruktiven Austausch und eine intensivere Zusammenarbeit mit den ÖBB an, um in Zeiten des Klimawandels die Intermodalität umweltfreundlicher Verkehrsmittel zu stärken.

Aus dem zugradfahrenden Alltag sind allen RadlerInnen Radmitnahme-Lücken im Gedächtnis, auch die Maßnahme 8 des „Österreichischen Masterplan Radverkehr“ des Lebensministeriums hatte 2006 schon folgendes gefordert: „Durch die Optimierung von Systemschnittstellen sowie die Serviceverbesserung für NutzerInnen von Verkehrsmitteln des Umweltverbundes soll eine deutliche Attraktivierung der Verkehrsmittelkombination Fahrrad/öffentlicher Verkehr erfolgen.“ Wir haben nun zu 8 Themenbereichen die wichtigsten Punkte zusammengefasst (komplettes Positionspapier zum download hier) und mit Best Practice Beispielen verknüpft.

Der erste Kernbereich von Verbesserungspotential ist natürlich die Radmitnahme als zentrale Dienstleistung der ÖBB an ihren Rad fahrenden KundInnen. Während die Radmitnahme in Regional- und Lokalzügen flächendeckend möglich ist, kommt es bei Bundesländer übergreifenden Verbindungen und bei (inter)nationalen Fernzügen immer wieder zu Kapazitätsengpässen und Verbindungslücken. Die ÖBB würden mit einer Verbesserung in diesem Bereich auch eine aktive Rolle gemäß dem „3. Eisenbahnpaket“ der EU (VO 1371/2007) übernehmen, in dem das EU-Parlament prinzipiell festlegt, dass Fahrradtransport auch im hochwertigen Fernverkehr ermöglicht werden muss. Radlobby.at sieht es daher als zentral an, dass die Fahrradmitnahme in allen Fernverbindungen sowie Hochgeschwindigkeitszügen (Railjet!) zu gewährleisten ist.

Zum zweiten Thema Zugmaterial: Die wichtigsten Strecken sollten mit Berücksichtigung von Jahreszeit und Wochentag mit jedenfalls hinreichenden Radmitnahmekapazitäten ausgestattet sein. Besonders sinnvoll sind dabei multifunktionale Abteile in Niederflurwaggons, die auf den gesamten Zug verteilt und ohne Niveauunterschied von der Bahnsteigkante zugänglich sind. Positivbeispiele - im Fernverkehr! - sind die Doppelstock-Garnituren der SBB. Weder praktikabel noch kundInnenfreundlich sind dagegen die Garnituren der neu eingeführten RailJets, die nicht nur für RadfahrerInnen nicht benutzbar, sondern auch für Eltern mit Kleinkindern und RollstuhlfahrerInnen eine Zumutung darstellen.

Zum dritten Punkt Reservierungspolitik sieht Radlobby.at starken Bedarf nach mehr Flexibilität und Transparenz. Neben Spontannutzungen – ganz wichtig bei den Unabwägbarkeiten von Radreisen – sollte ein Reservierungssystem geschaffen werden, das sowohl beim telefonischen oder web-basierten Buchen bzw. am Schalter freie Plätze und belegte Teilstrecken anzeigt – und diese sollten direkt für die KundInnen reservierbar sein. Bei der Preisgestaltung empfiehlt Radlobby.at, den Preis der Radmitnahme an der Fahrtendistanz zu orientieren. Damit kann sicher gestellt werden, dass die Radmitnahmekosten die Gesamtfahrkosten nicht überproportional steigen, wie zur Zeit auf kurzen Strecken. Strategisch schlagen wir vor, gemeinsame Angebote für Mobilitätsketten auszuarbeiten und zu bewerben und in die Elektronische Fahrplanauskunft / Buchung einzubauen. Die Einführung einer österreichweiten Netzkarte (ähnlich dem Schweizerischen „General-Abonnement“) und die Radmitnahme für Jahreskartenbesitzer kostenlos zu inkludieren (wie z.B. in S-Bahn und Nahverkehrszügen der Steiermark) sind ebenfalls geeignete Mittel, Intermodalität zum Alltag zu machen.

Bahnhöfe aller Kapazitäten sollten in allen Belangen auf ihre Benutzbarkeit auch für RadfahrerInnen geprüft und dementsprechend adaptiert werden. Dabei sollten besonders beachtet werden: Barrierefreie Zugänge zu allen Bahnsteigen, Ausrichtung der Bahnsteighöhen auf Einstiegsebene von Niederflurwaggons, sichere, wetterfeste Radabstellanlagen in ausreichender Zahl und unmittelbarer Nähe zu den Bahnsteigen. Eine zentrale Dienstleistungseinheit, bekannt als Fahrradstationen nach dem Vorbild CH, D, NL, BE (und wie am Hauptbahnhof Wien geplant), sollte an allen größeren Bahnhöfen eingerichtet werden. Diese Stationen bieten betreute Radabstellplätze, Radverleih und Radservice sowie andere Fahrrad-Dienstleistungen (z.B. Fahrrad- und Gepäckschließfächer, Routen-Info, Selbsthilfewerkzeug) unter einem Dach. Dieser Schaffung von Infrastruktur sollten Qualitätskriterien aus Fuß- und Radverkehrsperspektive zugrunde liegen, deren Implementierung die ÖBB auf ihren Bahnhöfen und im Umfeld (Gemeinde) befürwortet.

Im Fahrrad-Tourismus liegen gerade in Österreich große Chancen. Ob Wochenendausflug oder mehrtägige Radtour, stets kann die Bahn dabei der ideale Partner sein. Insbesondere bei der Infrastruktur und dem Service auf den Strecken, auf denen bereits aktuell eine große Nachfrage besteht, ist Verbesserungsbedarf gegeben. Kapazitätslücken der Bahn entlang des Donauradwegs zwischen Passau und Wien sollten nicht private Busanbieter schließen. Nebenstrecken können mit gezielten Freizeitangeboten gestärkt und so vor der Schließung bewahrt werden. Für die ÖBB kann die Gestaltung Rad-integrierender Beförderungsangebote aus unserer Sicht ein eminent wichtiger Schritt bei der langfristigen Kundenbindung und Kundenzufriedenheit sein - ein zufriedener Radreisetourist nutzt die Bahn mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gerne im Alltag.

Ein großes, noch wenig erschlossenes Potential liegt in der Verbindung von Bahn und Rad im Alltags- bzw. Berufsverkehr – und da liegen auch die großen Chancen von klimaschonender Verkehrsgestaltung. Viele PendlerInnen könnten durch ein sicher verwahrtes Fahrrad an ihrem Heimat- und/oder Zielbahnhof schnell zu ihren Arbeitsplätzen gelangen. Die Bahn gewinnt auch bei kleinen Stationen im ländlichen Raum ohne hinreichende öffentliche Anbindung an Attraktivität. Durch ein gut zu erreichendes und einfach zu bedienendes Leihradsystem können Reisende, gerade in mittelgroßen Städten, schnell zu ihren Bestimmungsorten gelangen. Ein solches Leihradsystem auf ÖBB-Basis wird dann besonders erfolgreich sein, wenn die ÖBB sich als Dienstleister für die gesamte Reise sieht und für Integration oder Kooperation sorgt. Zu Maßnahmen für verbesserte alltägliche Intermodalität gehören unter anderem die passende Infrastruktur an Start- und Zielbahnhof, attraktive Gesamtpackages für PendlerInnen mit Jahres- /Streckenkarte und die Nutzungsmöglichkeiten von Fahrradstationen.

Ein wichtiger Punkt ist die Radmitnahme in Linienbussen der ÖBB und im Schienen-Ersatzverkehr. Auch wenn die Fahrradmitnahme laut ÖBB-Auskunft grundsätzlich in allen Bussen der ÖBB-Postbus GmbH kostenlos möglich sein sollte (Thomas Berger, ÖBB Personenverkehrs GmbH), treten in der Praxis große Lücken im Netz auf. Radlobby.at empfiehlt nachdrücklich, alle Postbusse, die im SEV und bei Streckenstilllegungen eingesetzt werden, mit hinreichender Transportkapazität für Fahrräder auszurüsten. Die Postauto AG der Schweiz zeigt, dass es geht: „In den Kantonen Graubünden, Wallis und Bern stehen für den Velotransport spezielle Anhänger oder Heck-Träger zur Verfügung.“1

In diesem Sinne würde es Radlobby.at begrüssen, wenn die Bundesbahnen ihrem Auftrag als Öffentliches Verkehrsmittel auch in Bezug auf umweltfreundliche Intermodalität mit dem Radverkehr nun mit Engagement nachkommen wollen. Wir beteiligen uns gerne mit unseren Erfahrungen und bringen uns auch gerne inhaltlich in die Weiterentwicklung der Chancen im Verbund Rad/Zugverkehr ein.

1) Quelle: Information der PostAuto AG, Stand Dez 2009; abgerufen unter www.postauto.ch/pag-nat-velo-und-postauto.pdf, Okt 2010


Kategorie: RADLOBBY Österreich, RSS Feed
Alter: 9 yrs

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