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30.11.2011 17:47 Von: Tadej Brezina

ÖBB-Paradepferd ohne Räder

Keine Fahrradmitnahme, keine Mehrzweckabteile, dafür eine schlecht ausgelastete Premiumklasse: Railjets fahren nun auch nach Süden.


Nun kommt also auch der Süden Österreichs in den Genuss des Paradepferds. Der Railjet, der bisher die Relationen München–Wien–Budapest und Zürich/Bregenz–Wien bedient hat, wird sukzessive bis Mitte 2012 die klassischen Inter- und Eurocitys Wien–Villach und Wien–Graz ersetzen. Er wird von den ÖBB als hochwertiges Rückgrat des Fernverkehrs beworben, als „Premiumzug“ – ohne Radmitnahme. In Zukunft wird dadurch neben der West- und Ostbahn auch auf der Südbahn das Fahrradangebot beim ÖBB-Fernverkehr reduziert.

Bereits vor der Anschaffung des Railjets sind vor allem von Interessenvertretungen der Radfahrer die ÖBB vielfach darauf hingewiesen worden, dass eine fehlende Möglichkeit zur Radmitnahme keine Serviceverbesserung bringen wird. Dafür bekam er eine dritte Klasse dazu, die Premiumklasse, deren ausgesprochen schlechte Auslastung sich laufend beobachten lässt.

Auch wurden keine Mehrzweckabteile vorgesehen, die für eine breite Mobilitätspalette sinnvoller sind als die immer wieder aufkommende, auch immer wieder scheiternde Idee, Managereliten mit solchen Maßnahmen scharenweise auf die Bahn locken zu wollen. Ein Beispiel: Auf der Schweizer Hauptachse St. Gallen–Zürich–Genf sind die Züge doppelstöckig prall gefüllt, auch mit Managern, allerdings ohne Extraklasse – dafür mit Mehrzweckabteilen, Fahrradmitnahme und Ruhezonen. Für die mittelbare Zukunft ist dort sogar ein Angebot im Viertelstundentakt geplant.

Umbauten an fertigen Fahrzeugen sind aufwendig, teuer und vermeidbar, wie am Beispiel der nun stattfindenden nachträglichen Umbauten der Bistros zu Vollspeisewagen ersichtlich ist.

Vielzahl teurer Investitionen

Dabei begleitet den Railjet ein Rattenschwanz teurer Investitionsentscheidungen: Das Fahrzeug selbst und die große Flotte leiten sich aus der überdimensionierten Bestellung an Taurus-Lokomotiven aus den 1990er-Jahren ab, als die ÖBB noch plante, europaweit als Güterverkehrsunternehmen aufzutreten. Sie ist so groß, dass nun die Tschechische Bahn ?D unter langem Ringen und Einmischung des Kartellamtes endlich dazu bewegt werden konnte, 16 Garnituren aus der ÖBB-Bestellung zu übernehmen. Also in Zukunft auch keine Radmitnahme nach Tschechien mehr.

Andererseits werden die dadurch überflüssig gewordenen, aber nach wie vor hochwertigen Reisezugwagen (großteils vor wenigen Jahren upgegradet) in großer Zahl an andere Bahnunternehmen verkauft oder vermietet: an ?D und Regiojet in Tschechien, für die Relation Brüssel–Amsterdam oder die Baureihe 4010 an einen privaten Betreiber in Deutschland.

Fahrzeuginvestitionen mögen im Vergleich zu Tunnelinvestitionen als gering erscheinen, sie sind aber mehr als Kleinvieh, das viel Mist macht. Vor allem dann, wenn nachträgliche Umbauten die Fahrzeugkonzepte an die Realität anpassen müssen. Es ist daher wichtig, nicht nur infrastrukturell in nachhaltig wirksame Maßnahmen, die zu einem integrierten Taktfahrplan beitragen, zu investieren, sondern auch in Fahrzeuge, die ein Maximum an Reiseoptionen für alle Menschen bieten.

So gesehen ist es wohl als schelmischer Wink des Künstlers, der das Cover des Nachhaltigkeitsberichtes 2012 gestaltete, zu werten, dass er vor dem Railjet einen Radfahrer etwas verloren dreinschauen lässt?

(Erschienen in "Die Presse" am 25.11.2011)


Kategorie: RADLOBBY NÖ, RADLOBBY Österreich, RSS Feed
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